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Mittwoch, 7. Dezember 2022

Carl Meinhof: Autodidakt und afrikanistisches Alphatier / Ludwig Gerhardt porträtiert den ersten Ordinarius für Afrikanistik

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Hamburg (ots) –

Carl Meinhof (1857-1944) war weltweit der erste Afrikanistik-Ordinarius und gilt als Begründer dieses Fachs. 35 Jahre wirkte er in Hamburg, der deutschen Kolonialmetropole. Ludwig Gerhardt, selbst Ordinarius für Afrikanistik an der Universität Hamburg, legt die erste umfassende Meinhof-Biographie vor, die in der von der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung herausgegebenen Reihe „Wissenschaftler in Hamburg“ erscheint. Er schildert in Carl Meinhof. Das Leben des ersten Ordinarius für Afrikanistik, wie Meinhof einer methodisch fundierten Wissenschaft von den afrikanischen Sprachen den Weg bereitete.

Meinhof studierte in Halle, Erlangen und Greifswald Theologie, Germanistik und vergleichende Sprachwissenschaft und wurde 1886 Landpastor im hinterpommerschen Zizow (heute Cisowo, Polen). Als Autodidakt beschäftigte er sich mit afrikanischen Sprachen – ohne je in Afrika gewesen zu sein, aber in engem Austausch mit Missionaren aus den Kolonien des Kaiserreichs. So wurde Zizow ab den späten 1880er Jahren, als es noch keine institutionalisierte Erforschung und Lehre afrikanischer Sprachen gab, zu einem Zentrum der afrikanischen Sprachforschung, das international ausstrahlte. Dank seiner enormen Kenntnisse konstruierte Meinhof mit den Methoden der Indogermanistik eine Ursprache für die riesige Bantu-Sprachfamilie – sie erstreckt sich vom Kamerunberg im Nordwesten bis zum Kilimanjaro im Osten bis zum Kap der guten Hoffnung im Süden.

Der pietistisch geprägte, nationalkonservative Meinhof, der als Theologe die Mission befürwortete, sah den deutschen Kolonialismus entschieden positiv. 1902 reiste er erstmals nach Afrika, gefördert von Kaiser Wilhelm II., und begann danach als Sprachlehrer am Orientalischen Seminar in Berlin. Der Pastor wurde zum Professor. Seine Tätigkeit diente auch der sprachlichen Vorbereitung von Missionaren. Außerdem arbeitete Meinhof beim Sprachunterricht mit „eingeborenen Sprachgehilfen“ zusammen, deren prekäre Arbeits- und Lebensumstände Gerhardts Biographie beleuchtet.

1909 wurde Meinhof an das neu gegründete Kolonialinstitut in Hamburg auf den Lehrstuhl für afrikanische Sprachen berufen. Ludwig Gerhardt rekapituliert die Anfänge der Afrikanistik in der Hansestadt, die infolge des verlorenen Ersten Weltkriegs in eine Krise geriet. Denn ohne die deutschen Kolonien war die raison d’être des Kolonialinstituts wie die des Seminars für Kolonialsprachen eigentlich hinfällig. Meinhof beklagte den Verlust der Kolonien – und wurde später zum Parteigänger der Nationalsozialisten. Den Pfad seriöser Wissenschaft hatte er bereits 1912 in dem Werk „Die Sprache der Hamiten“ verlassen. Dieses Buch war methodisch unsauber sowie unverhohlen rassistisch und hat auf die gesamte Afrikanistik einen außerordentlich schädlichen Einfluss ausgeübt.

Ludwig Gerhardt über den Gründervater der Afrikanistik: „Wie sehr Carl Meinhof das Fach Afrikanistik für Jahrzehnte geprägt hat, zeigt sich darin, dass bis Mitte der 1960er Jahre seine Lehrbücher in Hamburg verwendet wurden. Diese Zeit kannte kaum Kolonialismus-Kritik. Das änderte sich erst mit der Studentenbewegung. Es bleibt Meinhofs Verdienst, durch den Nachweis von Lautgesetzen die Bantusprachen als ebenbürtig in die Sprachen der Welt integriert zu haben. Durch diesen emanzipatorischen Akt gebührt ihm ein Platz unter den wichtigen Sprachwissenschaftlern der Welt.“

Ekkehard Nümann, Präsident der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, betont: „Ludwig Gerhardts Biographie eröffnet einen differenzierten Blick auf den Nestor der Afrikanistik. Dem Autor gelingt es, neben dem Wissenschaftler auch den Menschen Carl Meinhof dem Leser nahe zu bringen. Als ‚afrikanistisches Alphatier‘ hatte Meinhof nicht nur angenehme Züge, sondern scheint jedwede sachliche Kritik als Majestätsbeleidigung aufgefasst zu haben. Differenziert würdigt Gerhardt die Verdienste Meinhofs, legt aber auch dessen kolonialpolitischen und rassistischen Verstrickungen dar.“

Ludwig Gerhardt, Carl Meinhof. Das Leben des ersten Ordinarius für Afrikanistik (Wissenschaftler in Hamburg, hg. von Ekkehard Nümann für die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung, Bd. 5), Wallstein Verlag, 288 S., 64, z. T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag, ISBN 978-3-8353-5041-0, 24,90 Euro. Lieferbar ab 25. Mai 2022.

Die Reihe „Wissenschaftler in Hamburg“

Überzeugend konzipiert und kenntnisreich geschrieben – die Biographien der Reihe „Wissenschaftler in Hamburg“ schildern Werk und Leben bedeutender Persönlichkeiten, die an der Universität Hamburg und weit darüber hinaus gewirkt haben. Die Bände werden von der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung herausgegeben und erscheinen im Wallstein Verlag.

Pressekontakt:
Dr. Johannes Gerhardt
info@h-w-s.org
Original-Content von: Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots

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