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Samstag, 13. Juli 2024

Drei von vier Ärzten für Eigenbeteiligung im GKV-System

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Hamburg (ots) –

Politiker und Krankenkassen meiden das Thema wie der Teufel das Weihwasser – doch die Mehrheit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ist überzeugt: Intelligent organisiert könnte eine finanzielle Eigenbeteiligung dazu führen, dass Patientinnen und Patienten die Ressourcen im Gesundheitswesen angemessener nutzen. Satte 78 Prozent der fast 1.000 befragten Haus- und Fachärzte zeigten sich in einer aktuellen Umfrage des Ärztenachrichtendienstes (änd) davon überzeugt, dass dies der richtige Weg ist.

Weitere 14 Prozent halten das Thema Eigenbeteiligung prinzipiell für wichtig. Sie haben jedoch Zweifel daran, dass die konkrete Umsetzung bürokratiearm und effektiv gestaltet werden kann – und raten der Politik daher von dem Thema ab. Der Meinung, dass ein System der Eigenbeteiligung nicht eingeführt werden dürfe, weil es unsozial sei und bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteilige, sind am Ende nur 7 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte.

Das deutliche Votum der Ärzteschaft in Richtung Eigenbeteiligung steht im Gegensatz zur Auffassung der Krankenkassen: Die Geschäftsführerin Versorgung im AOK-Bundesverband, Dr. Sabine Richard, hatte sich im Gespräch mit dem Ärztenachrichtendienst kürzlich gegen eine Selbstbeteiligung in der GKV ausgesprochen. Sie würde den Zugang zur Versorgung vor allem für sozial ohnehin belastete Gruppen erschweren.

Die Krankenkassen sind es jedoch, die im Falle eines Falles für das Berechnen und Einziehen einer Eigenbeteiligung verantwortlich sein müssten, denken 63 Prozent der befragten Medizinerinnen und Mediziner. 17 Prozent fänden es besser, wenn die Arztpraxen dies organisierten, 15 Prozent schlagen vor, dass sich der Staat für eine Patienten-Eigenbeteiligung einen Mechanismus ausdenkt, der neben den bekannten GKV-Strukturen funktioniert.

Steuerung über Bonus-Modelle?

Der änd wollte auch von den Ärztinnen und Ärzten wissen, ob sie es begrüßen, wenn Krankenkassen versuchen, gesundheitsbewusstes Verhalten – zum Beispiel Mitgliedschaften in Fitnessstudios oder Teilnahme an Sport- oder Ernährungskursen – finanziell zu belohnen. Die Euphorie hält sich in Grenzen: Nur 28 Prozent beantworteten die Frage mit einem eindeutigen „Ja“. Ganze 62 Prozent halten von solchen Initiativen dagegen nicht viel, da der Effekt am Ende zu gering sei. Dafür spricht sich eine ebenfalls deutliche Mehrheit (65 Prozent) dafür aus, die Steuern und Abgaben auf ungesunde Genussmittel (Tabak, Alkohol) zu erhöhen.

Interessant auch die Einschätzungen der Ärzte zum Thema Patientenwissen. Gemeint war in dem Fall nicht das medizinische Wissen, sondern das Wissen um die Strukturen in unserem Gesundheitssystem. Sollten die Patientinnen und Patienten stärker darüber aufgeklärt werden, wer welche Aufgaben übernimmt und wann wofür zuständig ist? 27 Prozent der Umfrageteilnehmer winken ab: Das werde am Verhalten der Mehrheit nicht viel ändern. Eine satte Mehrheit von 71 Prozent blickt dagegen positiver auf das Thema: Sie ist überzeugt, dass es zu einem ressourcenschonenderen Verhalten beitragen könnte, wenn mehr Hintergrundwissen über die Strukturen in unserem Gesundheitssystem vermittelt wird. Die Wissensvermittlung ist dabei nach Meinung vieler Teilnehmer eine Gemeinschaftsaufgabe: Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Kammern oder Patientenberatungsstellen: Alle Einrichtungen müssten ihren Teil beitragen. 36 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sprechen sich sogar für ein Unterrichtsfach Gesundheit in der Schule aus.

Doch von der Prävention zurück zur akuten Erkrankung: Welche Einrichtung kann behandlungsbedürftigen Patientinnen oder den Patienten im Falle eines Falles wirklich effektiv helfen, den für sie angemessenen Behandlungsort zu finden? Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geplanten Gesundheitskioske offenbar nicht: Nur 4 Prozent der Teilnehmer trauen solchen Einrichtungen eine wichtige Steuerungsfunktion zu. Auch die Erstaufnahme-Tresen in den Notaufnahmen (19 Prozent), die Krankenkassen (21 Prozent) oder unabhängige Patientenberatungsstellen (24 Prozent) werden in dem Punkt eher skeptisch gesehen (Mehrfachantworten waren bei dieser Frage möglich).

Dagegen trauen immerhin 41 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte den Kassenärztlichen Vereinigungen – über die Rufnummer 116117 oder Infos auf den Internetseiten – zu, die Menschen zur richtigen Praxis oder Klinik zu führen. Die meistgewählte Antwort (67 Prozent der Umfrageteilnehmer) jedoch: Die Arztpraxen selbst seien die effektivsten Richtungsweiser im Falle einer Behandlungsbedürftigkeit.

Keine Mehrheiten für verpflichtende Hausarzt-Strukturen

Das große Vertrauen in die Koordinationsfähigkeit der Praxen führt natürlich zu einem näheren Blick insbesondere auf die Praxen der Hausärztinnen und Hausärzte: Sollte ihre Lotsenfunktion künftig gestärkt werden? Vielleicht auch durch weitere Schritte des Gesetzgebers? Bei dieser Frage unterscheiden sich die Antworten von hausärztlich und fachärztlich tätigen Befragten deutlich: Die Mehrheit der Fachärztinnen und Fachärzte (64 Prozent) ist in dem Punkt skeptisch: Weder gebe es genug Hausärztinnen und Hausärzte für weitere Schritte – noch solle die freie Arztwahl eingeschränkt werden. Der direkte Zugang zur Facharztpraxis müsse bleiben, argumentiert diese Gruppe.

Bei den Hausärztinnen und Hausärzten dagegen das umgedrehte Bild: Nur 44 Prozent halten es für falsch, Patientinnen und Patienten noch stärker über die Hausarztpraxen zu führen. 56 Prozent sehen dagegen deutlichen Handlungsbedarf. Allerdings: 36 Prozent der Befragten befürworten es, dass die Patienten im GKV-System verpflichtet werden, als erste Anlaufstelle ihren Hausärztin oder ihren Hausarzt aufzusuchen. Weitere 20 Prozent sind zwar auch für eine Stärkung der Lotsenfunktion – allerdings über freiwillige Wege wie Vertragsmodelle zur Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) oder entsprechende Wahltarife der Krankenkassen.

An der Onlineumfrage beteiligten sich von 3. bis zum 6. Juli 2023 insgesamt 988 änd-Mitglieder, niedergelassene Haus- und Fachärzte aus dem gesamten Bundesgebiet. Der in Hamburg ansässige Ärztenachrichtendienst (änd.de) ist eine Verbindung aus berufsbezogenem Nachrichtendienst und aktiver Diskussionsplattform zum innerärztlichen Wissensaustausch, zu dem Mediziner mit Berufsnachweis Zugang haben. Rund 50.000 Ärzte sind derzeit Mitglied.

Pressekontakt:
änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Kattjahren 4
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Original-Content von: Ärztenachrichtendienst Verlags-AG (änd), übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots

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